Die Aufgaben der katholischen Landeskirche Uri

10. Juni 2024

1984 wurden mit der revidierten Urner Kantonsverfassung die römisch-katholische und die evangelisch-reformierte Landeskirche geschaffen.

Die katholische Kirche übte in Uri während Jahrhunderten einen grossen Einfluss auf das private und öffentliche Leben aus. Ohne den Segen der Kirche ging fast nichts. Sie bestimmte die Erziehung der Kinder, drohte mit Höllenstrafen für schwere Sünden und verbot mit ihrer strengen Sexualmoral ein Leben im Konkubinat. 1850 war es selbstverständlich, dass die Kantonsverfassung die katholische Religion zur Staatsreligion erklärte.

Gründung der beiden Landeskirchen
Inzwischen sind die Bande zwischen Staat und Kirche wesentlich lockerer geworden. Bereits die neue Kantonsverfassung von 1888 hielt nur noch fest, dass sich die Mehrheit des Volks zur römisch-katholischen Religion bekennt. Danach wurden nach und nach in allen Gemeinden eigenständige Kirchgemeinden geschaffen. Sie schlossen sich 1971 zur Konferenz der Kirchgemeinden zusammen.

Bei der Totalrevision der Kantonsverfassung 1984 wurden in Uri die beiden Landeskirchen, die römisch-katholische und die evangelisch-reformiert, geschaffen. 1988 gab sich die katholische Glaubensgemeinschaft eine Verfassung. Sie regelte die innere Organisation und listete ihre wichtigsten Aufgaben, Rechte und Pflichten auf. 2004 erfolgte eine Totalrevision des Grundgesetzes. Sie brachte unter anderem eine klare Gewaltentrennung und das Stimm- und Wahlrecht für in Uri wohnende volljährige ausländische Katholikinnen und Katholiken. Für jeweils vier Jahre werden in den einzelnen Kirchgemeinden die Vertreterinnen und Vertreter für den Grossen Landeskirchenrat gewählt. Sie bilden das Parlament und beschliessen, ähnlich wie der Landrat im Kanton, Erlasse und Verordnungen und genehmigen das Budget und die Rechnung. Sie wählen auch den Kleinen Landeskirchenrat, der aus fünf Mitgliedern besteht und die Beschlüsse des Parlaments vollzieht.

Von der Katechese bis zur Jugendarbeit
Die Aufgaben der römisch-katholischen Landeskirche sind vielseitig. Ihre Verfassung unterscheidet «Aufgaben im Aussenverhältnis» und solche im «Innenverhältnis». Gunthard Orglmeister, Präsident des Kleinen Kirchenrats, präzisiert: «Die Landeskirche ist die Ansprechstelle der Kirchgemeinden und ihre Gläubigen für den Kanton, die evangelisch-reformierte Landeskirche Uri und das Bistum Chur.» Daneben erfüllt sie im Innern zahlreiche kirchliche Aufgaben. Die von Conny Weyermann geleitete Fachstelle Katechese steht den Katechetinnen und Katecheten sowie den Kirchgemeinden beratend zur Seite und bietet Weiterbildungen und Kurse an. Sie führt auch die Mediothek im Schulhaus Florentini in Altdorf, wo sich Religionslehrerinnen und -lehrer Unterrichtshilfen, Realgegenstände und verschiedene Medien ausleihen können und umfassend beraten werden.

Auch die Fachstelle Jugend wird von einem Mitarbeiter der Landeskirche geführt. Er ist zuständig für die Beratung von Pfarreien, Vereinen und Gruppen bei religiösen Jugendaktivitäten. «Ich freue mich, mit welchem Engagement unser Jugendseelsorger Fredi Bossart die unterschiedlichsten religiösen Angebote für Jugendliche in der Schule und Freizeit schafft» sagt Orglmeister. Ziel ist es, die Urner Jugendlichen altersgerecht mit dem christlichen Glauben vertraut zu machen. Eine weitere wichtige Aufgabe der Landeskirche ist die Gewährleistung der Seelsorge für zugezogene Katholikinnen und Katholiken anderer Sprachgruppen, die heute in enger Zusammenarbeit mit anderen Zentralschweizer Kantonen erfolgt.

Kirchlicher Finanzausgleich
Für all diese und weitere Aufgaben erhält die Landeskirche von den einzelnen Kirchgemeinden pro Mitglied einen finanziellen Beitrag. «Einen schönen Teil der Gelder benötigen wir für die Fachstellen Jugend (10 Prozent) und Katechese (18 Prozent)», führt der Präsident des Kleinen Landeskirchenrats aus. «An das Bistum, inklusive die Theologische Fakultät und das Priesterseminar in Chur, fliessen rund 12 Prozent unserer Gesamtaufwendungen von etwas mehr als 1,2 Millionen Franken»

Der mit Abstand grösste Teil der Einnahmen wird mit 475‘000 Franken für den Finanzausgleich unter den Kirchgemeinden verwendet. Nach einem ähnlichen System wie beim Kanton sorgt der Finanzausgleich dafür, dass die reicheren Kirchgemeinden den ärmeren finanziell helfen, damit diese nicht übermässige Steuern erheben müssen, um ihren Aufgaben nachkommen zu können.

Sorgen und Perspektiven
So vielseitig die Aufgaben sind, so zahlreich sind die Herausforderungen, die die Landeskirche zu bewältigen hat. «Wie in der ganzen Schweiz sind auch in Uri in den letzten Jahren zahlreiche Menschen aus der katholischen Kirche ausgetreten», sagt der Präsident den Kleinen Landeskirchenrats. «Die Gründe sind vielseitig. Einige treten aus Protest über die von der Kirche vertuschten Missbrauchsfälle aus. Anderen ärgern sich über die konservative Haltung des Papstes und der Bischöfe in moralischen und gesellschaftspolitischen Fragen und nicht wenige benutzen den Austritt, um keine Kirchensteuern mehr bezahlen zu müssen.» Auch wenn jeder Weggang schmerzlich sei, müssen wir den Entscheid eines jeden Einzelnen respektieren, fügt Orglmeister hinzu. «Leider ist vielen nicht bewusst, dass die katholische Kirche wichtige Aufgaben in Uri erfüllt. Und zwar bei weitem nicht nur in religiöser, sondern auch in sozialer Hinsicht».

Das Problem bestehe jedoch sowohl für die katholische als auch die reformierte Landeskirche darin, dass sich immer weniger Gläubige aktiv in der Kirche engagieren wollen. Das Abseitsstehen und die Gleichgültigkeit in religiösen Fragen sind für Gunthard Orglmeister die grössten Herausforderungen für die Kirchen. Trotzdem sieht er hoffnungsvoll in die Zukunft.

«Ich bin überzeugt, dass gerade in der jetzigen Zeit des gewaltigen Umbruchs, der zunehmenden Vereinsamung und der wachsenden sozialen Ungleichheiten die christlichen Kirchen viel zu bieten haben. Wichtig ist dabei, dass sie die Liebe Gottes aktiv in die Welt tragen. Sie müssen ausstrahlen und spürbar sein als Gegenpol zur schnelllebigen und auf Individualismus ausgerichteten Gesellschaft.»


Plenarversammlung in Altdorf
Die katholischen Landeskirchen der Kantone sind seit 1971 in der Römisch-katholischen Zentralkonferenz der Schweiz (RKZ) zusammengeschlossen. Sie vertritt die Anliegen der katholischen Kirche auf gesamtschweizerischer Ebene in Gesellschaft und Politik sowie gegenüber der Bischofskonferenz und verantwortet Aktivitäten der Kirche auf nationaler Ebene.

Dreimal im Jahr treffen sich die Delegierten der einzelnen Landeskirchen zu einer Plenarversammlung. Die nächste Zusammenkunft findet am 21./22. Juni in Altdorf statt. Traditionsgemäss steht am Vorabend die Kultur und Pflege der Gemeinschaft mit einem Ausflug auf dem Urnersee und einem Nachtessen auf dem Programm. Am Samstag treffen sich die Delegierten im Urner Landratssaal, um die anstehenden Geschäfte zu beraten und zu verabschieden.

 

Versammlung des Grossen Landeskirchenrats